Alte Fragen wieder ganz neu stellen
vom , verfasst von Pfarrer Tobias Rösler
Was die Reformation mit Wittenberg zu tun hat, ist allgemein bekannt: Martin Luther war dort zunächst Student und Dozent, später Prediger und Theologieprofessor. Bemerkenswert ist, dass er in diesen Rollen offenbar mehr ein Fragender als ein Antwortender war – womit er sich in einem sehr gefestigten Umfeld geistlich und emotional sehr geplagt hat. Am Sakrament der Buße, einer Säule der übermächtigen, um eine Antwort nie verlegenen Kirche, hat sich dann sein Wagnis der theologischen Auseinandersetzung entzündet. So hat er die berühmtesten seiner Thesen zwar vielleicht nicht angeschlagen, aber doch „rausgehauen“. Dazu ermutigt, oder sogar getrieben, wurde Martin Luther durch die am Bibelstudium gewonnene Erkenntnis der Gnade Gottes: Dass diese ebenso gültig wie unverdient und ganz und gar unbezahlbar ist. Der von der Kirche verwaltete Sündenablass hingegen macht aus der Gnade Gottes einen billigen Abklatsch. Und darüber müsse dringend und klärend gesprochen werden, signalisierte der Mönch, Priester und Lehrer mit dem bis dahin noch unbekannten Namen.
Was hat nun die Reformation mit uns vor Ort zu tun? Das wollen wir am 31. Oktober in Cossebaude erleben und ausprobieren. Wir feiern einen Gottesdienst, der sozusagen „querkirchein“ stattfindet und unterschiedliche Impulse zulässt, die sonst selten und eher nicht zeitgleich erlebbar sind. Im vergangenen Jahr haben wir es in der Heilandskirche schon ausprobiert: Wir wollen gemeinsam und zugleich und in verschiedener Weise der hingebungsvollen und anspruchsvollen Gnade Gottes auf die Spur kommen. Wie wir das genau machen werden, ist zum Zeitpunkt, da ich diese Gedanken aufschreibe, noch nicht erdacht und beschrieben.
Wir wollen auf jeden Fall mit unserem Glauben und mit dem Gottesdienst, der mir immer wie ein Brunnen der Gemeinde Jesu Christi erscheint, kreativ umgehen. Das schließt auch die Räume, die wir haben und teilen, mit ein. In diesem Fall ist es die kleine, feine Kirche in Cossebaude mit ihrer Gemeinde-Empore und vielleicht auch mit dem bergig-lauschigen Kirchhof. Mal sehen, was an dem Herbsttag Ende Oktober möglich ist.
Das Reformationsfest kann sich nicht darauf beschränken, Geschichte zu erinnern, sei sie auch noch so bedeutsam. Das ist aber gerade dann nicht mehr, wenn wir der Dynamik der Freiheit von Christenmenschen eine eher statische, erinnernde Form geben wollen. Wir wollen reformatorisch sein und bleiben, vielleicht auch wieder werden. Wichtig ist uns, uns soweit zu öffnen und zu verändern, dass für verschiedene Menschen verschiedene Anknüpfungspunkte möglich werden – in der Kirche. Das kann und wird nicht für alle perfekt oder gar mit Wow-Effekt gelingen. Aber alle mögen wahrnehmen können, was es bedeutet, vom Schöpfer der Welt gerufen, gemeint und herausgefordert zu sein. Und wir können das, weil es nicht exklusiv ist, miteinander bewegen in einer kirchspielerischen und überhaupt offenen Gemeinde. Es ist eine Gemeinschaft, die weit zurückgehende, tiefe Wurzeln hat, aber eben nicht von gestern ist.
Die Reformation lässt zu, dass längst verbindlich beantwortete Fragen trotzdem neu gestellt werden können. Sie lässt auch zu, dass neue Töne altes, beinahe verschüttetes Vertrauen wieder freilegen. Ich erinnere mich, wie der damalige Bischof der Evangelischen Kirche in Österreich, Michael Bünker, 2017 auf der Wittenberger Schlosswiese der Vorstellung eines auf- und abrechnenden Gottes widersprochen hat. Ein solches Gottesbild passt zu einer Kirche, die dokumentiert, statt zu gestalten und zu ermöglichen. Was war, ist nicht belanglos. Aber das Ansehen Gottes befreit aus Gefangenschaft und eröffnet jetzt Möglichkeiten für Menschen, und also auch für Kirche.
Ich bin famos gespannt, was die Reformation mit uns zu tun hat!
Pfarrer Tobias Rösler
Wir laden Sie sehr herzlich ein zum Reformationsfestgottesdienst des gesamten Kirchspiels ein.
- Sonntag, 31. Oktober
10:00 Uhr Cossebaude, Kirche