Am Ball bleiben
vom , verfasst von Pfarrerin Margarete Aichinger
Jede und jeder, der schon einmal in einer Mannschaft Sport gemacht hat, weiß: Die Spiele gewinnt man nicht am Spieltag, sondern beim Training. Und wer einen Marathon laufen möchte, beginnt nicht vier Wochen vorher mit dem ersten Dauerlauf. Oder: Niemand käme auf die Idee, ein Instrument erst dann lernen zu wollen, wenn das erste große Konzert ansteht.
Warum erwarten wir ausgerechnet vom Glauben etwas anderes?
Viele Menschen wenden sich an die Kirche, wenn das Leben seine großen Wendungen nimmt: zur Hochzeit, bei der Geburt eines Kindes, in einer schweren Krankheit oder am Grab eines geliebten Menschen. Das sind kostbare Momente. Und selbstverständlich sind wir als Kirche gerade dann da. Für mich als Pfarrerin ist es jedes Mal ein Geschenk, Menschen an diesen Weggabelungen ihres Lebens begleiten zu dürfen.
Und doch frage ich mich manchmal: Woran können wir dann eigentlich anknüpfen? Welche Lieder sind vertraut? Welche Gebete? Wie viel muss ich erst erklären, damit ein Ritual überhaupt verständlich wird?
Denn der christliche Glaube lebt nicht nur von besonderen Augenblicken. Er lebt von einer Vertrautheit, die langsam wächst. Von Liedern, die man immer wieder singt. Von Psalmen, deren Worte sich einprägen. Von Gebeten, die einen ein Leben lang begleiten. Von Gottesdiensten, deren Liturgie irgendwann zur eigenen Sprache wird.
Besonders eindrücklich erlebe ich das in den Gottesdiensten im Pflegeheim. Menschen, die sich kaum noch an Namen oder Ereignisse erinnern können, sprechen plötzlich das Vaterunser Wort für Wort mit. Sie singen die Abendmahlsliturgie mit oder stimmen selbstverständlich in den Segen ein. Dann wird sichtbar: Der Glaube sitzt tiefer als das Gedächtnis. Was über viele Jahre eingeübt wurde, trägt einen Menschen noch, wenn vieles andere längst verloren gegangen ist.
In solchen Momenten liebe ich die klassischen Formen unserer Gottesdienste. Nicht, weil sie unveränderlich wären. Sondern weil sie tragen. Sie sind wie Bewegungsabläufe, die ein Sportler tausendfach trainiert hat. Im entscheidenden Augenblick muss er nicht mehr überlegen – sie sind Teil von ihm geworden. So können auch Gebete, Segensworte und vertraute Lieder Teil unseres Lebens werden. Sie stehen uns zur Verfügung, wenn uns selbst die Worte fehlen.
Darum gehört der Gottesdienst für unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden selbstverständlich zur gemeinsamen Zeit dazu. Nicht, weil wir Anwesenheitslisten lieben, sondern weil Glaube Übung braucht. Niemand lernt ein Instrument durchs Zuschauen. Niemand wird durch das Lesen eines Fußballbuches zum guten Spieler.
Unser Leben kennt viele Umbrüche. Niemand weiß, welche Herausforderungen noch vor ihm liegen. Wir verändern uns ständig und sehnen uns nach Halt. Gerade deshalb lohnt es sich, im Glauben am Ball zu bleiben. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil das, was wir Sonntag für Sonntag einüben, uns vielleicht genau dann trägt, wenn das Leben aus dem Takt gerät.
Kirche ist deshalb mehr als ein Ort für besondere Lebensereignisse. Sie ist ein Ort, an dem wir Hoffnung trainieren. Dankbarkeit einüben. Vergebung lernen. Gemeinschaft erleben. Gottvertrauen wachsen lassen.
Manches davon scheint im Alltag selbstverständlich. Bis der Tag kommt, an dem wir merken, wie sehr wir davon leben. Im Sport weiß jeder: Wer lange pausiert, verliert den Rhythmus. Im Glauben ist es ähnlich.
Doch an einer entscheidenden Stelle endet jeder Vergleich mit dem Sport. Dort gilt: Wer jahrelang nicht trainiert hat, muss mühsam wieder von vorne beginnen. Im Glauben ist das anders. Für Gott ist niemand zu alt, niemand zu spät und niemand zu weit weg. Man kann jederzeit neu anfangen oder wieder einsteigen. Die Tür steht offen – heute genauso wie morgen. Gott freut sich über jeden Menschen, der sich auf den Weg macht. Ganz gleich, ob er schon ein Leben lang mit ihm unterwegs ist oder gerade erst den ersten Schritt wagt.
Pfarrerin Margarete Aichinger