Braucht Deutschland die Wehr-pflicht zurück?

Debatte um Sicherheit und Freiheit

vom

Die Frage nach einer Wiedereinführung der Wehrpflicht bewegt Politik und Gesellschaft aktuell mit wachsender Intensität. Angesichts veränderter sicherheitspolitischer Rahmenbedingungen, internationaler Konflikte und personeller Herausforderungen der Bundeswehr stehen grundlegende Überlegungen zur Landesverteidigung im Raum. Während die einen in der Wehrpflicht ein notwendiges Instrument zur Stärkung von Sicherheit und gesellschaftlicher Verantwortung sehen, warnen andere vor noch mehr Gewalt und bezweifeln ihre praktische Wirksamkeit. Westwind stellt beide Perspektiven aus christlicher Sicht gegenüber.

PRO – Wehr-Dienst statt Wehr-Pflicht 

Während der Zeit atomarer Hochrüstung war für mich ein sinnvoller Beitrag als Soldat nicht vorstellbar. Nach Ende des Kalten Krieges dachte ich, Armeen in Europa sind überflüssig. Die Jugoslawienkriege haben mich umdenken lassen. Seitdem denke ich: Wir brauchen Menschen, die verantwortungsvoll und professionell mit Waffen umgehen. Sie verdienen unseren Respekt.

Nun stehen wir erneut vor der Aufgabe, uns notfalls verteidigen zu müssen: seit 2014 gab es Bemühungen, den Krieg in der Ukraine einzuhegen. Mit Russlands Großangriff auf sein Nachbarland 2022 wurde den Verantwortlichen klar: Wir wären militärisch nicht stark genug, um Putin vom Angriff auf uns abzuhalten.
Deshalb brauchen wir viel mehr Menschen für den Dienst in der Bundeswehr. Darum werden nun alle 18-Jährigen schriftlich nach ihrer Bereitschaft gefragt. Junge Männer müssen antworten. Ab Mitte 2027 werden sie auch gemustert. Dass nur junge Menschen vor dieser Entscheidung stehen, gefällt mir nicht. Besser wäre es, wir alle würden gefragt werden, was wir zu tun bereit sind, um unser Land zu schützen, militärisch oder zivil.

Gut möglich, wir gewinnen auf dem eingeschlagenen Weg genügend Menschen für die Bundeswehr. Wenn nicht, ist unser Land in einer Notsituation. Dann wird die Wehrpflicht für Männer reaktiviert, zugleich auch der Zivildienst. Denn niemand darf gegen sein Gewissen zum Dienst mit der Waffe gezwungen werden (Grundgesetz Artikel 4,3).
Wie würde ich mich heute entscheiden? Tödliche Gewalt einzusetzen widerstrebt mir nach wie vor. Doch anderen einen Dienst überlassen, den ich für notwendig halte, könnte ich auch nicht guten Gewissens verantworten.

Und wenn die Bedrohung an uns vorübergeht ohne Krieg? Dann freuen wir uns einen schönen Moment gemeinsam. Und danach streiten wir, ob der Friede trotz oder wegen unserer Anstrengungen erhalten blieb. Für ein PRO und CONTRA stehe ich dann gern wieder zur Verfügung. Hoffen wir das Beste.

Klaus Kaiser, Evangelischer Militärdekan
an der Offizierschule des Heeres in Dresden

Contra – Mehr Diplomatie und Verhandlungen

Wozu brauchen wir die Wehrpflicht? Die Befürworter sagen: Wir müssen aufrüsten, um militärisch stark zu sein. Wir müssen sogar – so Bundeskanzler Friedrich Merz – die stärkste Armee in Europa werden. Nur dann werden uns potenzielle Angreifer fürchten und keinen Krieg gegen uns beginnen.

Hat dieses Konzept in der Menschheitsgeschichte jemals funktioniert? Hat Hochrüstung Kriege verhindert? Jedes Geschichtsbuch zeigt mit einer endlosen Abfolge von Kriegen die Antwort: Nein! Gewalt erzeugt immer neue Gewalt. Und auch die Drohung mit Gewalt erzeugt nur die Gegendrohung mit Gewalt.

Das zeigen in deutlicher und beängstigender Weise die Kriege zwischen der Ukraine und Russland sowie zwischen den Verbündeten Israel und USA gegen den Iran. Alle Seiten dieser aktuellen Kriege sind höchstgerüstet. Aber das Ergebnis ist nicht Frieden, sondern grausamer Krieg mit unzähligen Toten. Es muss damit Schluss sein, junge Menschen „vor den Karren“ der Kriegsparteien zu spannen. Es muss damit Schluss sein, junge Menschen vom Militär zu begeistern.

Jesus hat gesagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Ich bin nicht mit dem Schwert gekommen, sondern um mit dem Wort Frieden zu bringen.“ Alle Beteiligten müssen an einen Tisch. Nur dort können Interessenkonflikte benannt und in Verhandlungen ausgeglichen werden.
Seit 1945 gibt es die UNO (Vereinte Nationen), der mit 193 Staaten fast alle Staaten der Erde angehören. Die Charta der UNO enthält in Artikel 2 Nr. 4 das Gewaltverbot zwischen den Staaten. Das ist der richtige Weg – und vor allem auch der christliche Weg. Willy Brandt hat einmal gesagt: „Wir müssen mehr Demokratie wagen.“ Heute sollten wir sagen: „Wir müssen mehr Friedenspolitik wagen.“

Denn das gab es schon: Der Kalte Krieg wurde durch Abrüstungsgespräche beendet, nicht durch die Fortsetzung der Aufrüstung. Zuvor hatte gerade Deutschland in zwei Weltkriegen erlebt, wozu ungehemmte Aufrüstung geführt hat. Und im aktuellen Irankrieg hat der amerikanische Präsident damit gedroht, „eine ganze Zivilisation zu vernichten“.

Unsere Aufgabe muss darin bestehen, die besten Diplomaten und Verhandler zu sein.
Nur mit dem Wort kann Frieden geschaffen werden.
Lasst uns wieder Schwerter zu Pflugscharen schmieden.

Peter Ney, Rechtsanwalt i. R. und Sebastian Schramm, Tischler

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