Eintauchen in eine andere Welt
Freiwilligendienst auf den Philippinen
vom , verfasst von Charlotte Probst
Mein Name ist Charlotte Probst. Einige Jahre habe ich die JG Briesnitz mitgeleitet, bin jetzt aber für einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst mit den Steyler Missionsschwestern auf den Philippinen. Ich dachte, ein Artikel über meine Arbeit, das Leben hier und die philippinische Kultur wäre vielleicht ganz interessant.
Seit einigen Monaten tauche ich immer tiefer in das Leben auf den Philippinen ein. Vieles ist mir inzwischen vertraut: der Duft von Reisgerichten, spontane Karaoke-Sessions und Basketballplätze an jeder Ecke. Dieses Freiwilligenjahr mit den Steyler Missionsschwestern bringt viele Neuanfänge, einige Herausforderungen, aber vor allem persönliches Wachstum mit sich - viele Wellen, die mich treiben und kämpfen lassen.
Die ersten Wochen nach meiner Ankunft im August waren von dem heißen, luftfeuchten Klima, vielen ersten Begegnungen und Erfahrungen, anderen Gerüchen und der fremden Sprache „Cebuano“ geprägt. Mit „maayong buntag tanan“ – so viel wie „Guten Morgen allerseits“ – beginnt seitdem jeder Arbeitstag im Balay Samaritano, einem Drop-In-Shelter für obdachlose Kinder und Erwachsene. Ungefähr 25 Prozent der Menschen leben hier akut in Armut. Wir arbeiten täglich mit 10 bis 25 Kindern zusammen: Zuerst wird der Rosenkranz gebetet, bei dem die Kinder uns mit ihrem Gesang oft anleiten, danach folgen ein Snack und etwas Unterricht. Am liebsten wird gemalt oder gebastelt aber auch Mathe und Schreiben muss mal sein. Zum Mittag gibt es, ganz nach dem Motto „rice is life“, fast immer Reis mit Fleisch oder Fisch. Für mich als Vegetarierin ist das eine der größten Herausforderung der philippinischen Kultur. Dennoch finde ich köstliche Alternativen aus Aubergine, Kürbis oder Kokosnuss und natürlich den wundervollen Früchten.
Nach dem Mittagessen verlassen die Kinder meist selbstständig das Shelter. Das ist die Lebensrealität der Kinder, die ich aktuell kennen und verstehen lerne. Gefühlsausbrüche, die mich erst überforderten, verstehe ich mittlerweile; ihr Ursprung liegt im Alltag der Straße. Oft ist es lautes Schreien, manchmal ganz süße Kuschelanfälle, vereinzelt Stille. Für mich heißt das, Verständnis entwickeln und Ausdauer trainieren.
Nachmittags gehen wir entweder nach Hause, speisen Obdachlose oder besuchen mit den Steyler Missionaren Menschen in abgelegenen Gegenden und bringen ihnen oft die einzige nahrhafte Portion der Woche. Für mich sind die Fahrten aufschlussreich, weil wir viel über die sozialen Probleme auf den Philippinen lernen: wenig Platz, der immer teurer wird, während die Bevölkerung stark wächst. Ein Drittel der philippinischen Bevölkerung ist jugendlich und jünger. Familie gilt hier zwar als Absicherung, doch fehlende Bildung und teure Verhütungsmittel verstärken die sozialen Probleme massiv. Viele Frauen werden zeitig Mutter und haben viele Kinder. Die Menschen in Slums, auf Müllhalden oder der Straße sind auf die Hilfe von NGOs (Nichtregierungsorganisationen) und der Kirche angewiesen. Einen Sozialstaat, wie wir ihn kennen, gibt es auf den Philippinen nicht.
Auch die weltpolitische Lage macht sich hier bemerkbar: Entwicklungsgelder aus den USA oder Europa werden gekürzt. Das schränkt die Hilfe an vielen Stellen ein.
Der christliche Glaube ist hier sehr präsent: über 90 Prozent der Filipinos sind katholisch, in jedem Jeepney hängt ein Kreuz, und fast alle Kinder können den Rosenkranz mitbeten. Dieses Umfeld fühlt sich für mich zugleich vertraut und fremd an. Der Katholizismus fordert mich heraus; frühe Messen, viel Stehen und bedeckende Kleidung. Trotzdem bin ich dankbar, in diesem Umfeld zu sein, weil ich so andere Wege zu Gott kennenlernen darf, tiefer in die philippinische Kultur eintauche und die Menschen so besser verstehe. Besonders in Krisenmomenten hat mir das „faith sharing“ bei den Schwestern viel Kraft gegeben. Ein starkes Erdbeben erschütterte uns Ende September. Wir blieben unversehrt, doch beängstigend war es. Viel traumatischer aber war ein Taifun Anfang November, der unser Haus schultertief unter Wasser setzte und uns durch Schlammwasser schwimmen ließ. Über 200 Menschen starben, Häuser schwemmten weg, die Menschen verloren alles. Wir alle sind traumatisiert, einige Kinder haben sich daraufhin mit Leptospirose infiziert und jeder ist mit Putzen beschäftigt. Die ersten Tage war ich völlig überfordert: die wiederkehrenden Bilder und Geräusche der Flut, Angst und das Gefühl der Hilflosigkeit kehrten ständig zurück. Doch Gott hat mir in den vergangenen Wochen viel Halt gegeben. Der Vers Jeremia 18, 6: „Wie der Ton des Töpfers, seid auch ihr in meiner Hand“ gibt mir viel Vertrauen in Gottes Schutz, Kraft und Unterstützung.
Trotzdem bin ich manchmal wütend auf den Klimawandel und die fehlende weltweite Politik. Die Menschen im globalen Süden leiden extrem stark unter den Symptomen des vom globalen Norden gemachten Klimawandels. Starke Korruption spielt auch eine Rolle in der Krisenintervention. Die Menschen sind all dem hilflos ausgeliefert. Aus unseren Privilegien heraus sind wir in der Verantwortung. Politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Und das ist vielleicht meine größte Lernerfahrung: Der Klimawandel schreitet voran, doch wenn nicht gehandelt wird, wird es noch schlimmer als es jetzt schon ist, hier, aber auch in Europa.
Trotz allem blicke ich hoffnungsvoll auf die nächsten Monate und freue mich, Beziehungen zu knüpfen, auf einige Reisen und ganz viel Freude am Leben.
Sonnige Grüße, Charlotte
Kontakt
charlotte-probst@gmx.net
Spenden
Spendenkonto der Steyler Mission für die Opfer des Erdbebens und Taifuns auf den Philippinen
BIC: GENODED1STB
IBAN: DE77 3862 1500 0000 0110 09
Verwendungszweck: NOTHILFE0006