Frieden – damit der Krieg nicht in uns gewinnt

vom , verfasst von Pastor Philipp Weismann

Foto: Emile Seguin (unsplash.com)

Frieden! Was für ein herausforderndes Thema in diesen Tagen! Es ist kaum zwei Monate her, da gedachten wir beim Friedensgebet in der Friedenskirche an vier Jahre Krieg in der Ukraine. Was für ein bitteres Jubiläum das doch war!

Vier Jahre lang Bilder, die wir in Europa nie mehr sehen wollten. Vier Jahre lang Nachrichten, die wir kaum noch hören können. Vier Jahre mit diesem Gefühl: „Man gewöhnt sich an etwas, woran man sich niemals gewöhnen dürfte!“

Seit einigen Wochen tobt im Nahen Osten ein weiterer harter und überaus irritierender Krieg, der sprach- und fassungslos macht.

Als im Februar 2022 der russische Angriffskrieg begann, waren wir uns in der Ökumene schnell einig, dass Friedensgebete wichtig und notwendig sind. Ein Ort, um unsere Sprach- und Hilflosigkeit auszudrücken und unsere Sorgen vor Gott zu bringen. Woche für Woche sammelten wir uns. Musik, Kerzen, Gebete, ein paar Gedanken, mehr war das nicht. Aber das waren unsere Zeichen gegen Aggression und Sprachlosigkeit. Dann wurde es Sommer. Und ehrlich gesagt, wir wurden müde. Ein oder zwei Handvoll Gäste machten sich da gerade noch auf den Weg. Manchmal weniger.

Mag sein, das war unser innerer Zustand: Nicht nur Trauer. Nicht nur Wut. Sondern auch Müdigkeit. So eine leise, gefährliche Müdigkeit, die sagt: Es bringt ja doch alles nichts. Warum sollen wir noch beten, Friedensgebete halten, auf Frieden hoffen? Wir sind doch so weit weg. Wir können nichts entscheiden. Wir können nichts verhandeln. Wir können nichts befehlen.

Aber hier und da sammeln sich bis heute Menschen, beten im Gottesdienst für Frieden, halten hier und dort Friedensgebete, an manchen Orten JEDE Woche. In solchen Momenten klingen Worte nach, die Jesus von Nazaret in der Bergpredigt sagte: „Selig sind, die Frieden stiften.“ (Matthäus 5,9)

Innerlich meldet sich bei mir sofort der Widerspruch: Wie denn bitte? Was soll das heißen in einer Welt mit Raketen, Drohnen, Frontlinien und geopolitischen Interessen?

Was bedeutet es denn, „Frieden zu stiften“, wenn ich nicht einmal den Streit um den größten Skandal in den Nachrichten beeinflussen kann? Wenn ich es nicht einmal schaffe, an meinem eigenen Küchentisch für Frieden zu sorgen?

Vielleicht …  beginnt es damit, dass wir ehrlich werden: Wir können diese Kriege nicht beenden. Wir müssen uns da nichts vormachen: Wir können es nicht!

ABER: Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Kriege uns innerlich verändern.

Denn Kriege zerstören nicht nur Städte. Sie zerstören mit der Zeit auch Herzen. Unsere Hoffnungen. Unsere Ideale und unser Denken.

Sie machen uns zynisch, sie machen uns gleichgültig. Sie lassen uns irgendwann sagen: So ist die Welt halt. Ab und zu knallt es eben. War doch schon immer so! Ich meine, genau in diese Resignation richtet sich Jesu Ruf zum Frieden. Nicht zuerst auf den Schlachtfeldern dieser Welt, sondern hinein in die menschlichen Seelen, in unsere Herzen. Denn Gott sei Dank: Was in meinem Herzen passiert, darauf habe ich noch Einfluss. Welche Gedanken ich in meinem Kopf bewege, da habe ich noch mehr Einfluss.

Frieden stiften heißt, so möchte ich das heute übersetzen: Nicht zuzulassen, dass der Krieg in mir gewinnt!

Jesus von Nazareth spricht seine Friedensworte zu einer Zeit in eine Welt, die heftig und brutal war. Da war römische Besatzung. Gewalt. Willkür. Ohnmacht. Kreuzigungen. Vielleicht sogar noch grausameres, ich mag es mir nicht ausmalen. Die hatten damals wohl keine ferngesteuerten Drohnen und keine tonnenschweren Panzer und vollautomatische Waffen… aber widerlichste Arten, Leben auszulöschen und zu zerstören, die waren da auch schon bekannt.

Auf der anderen Seite war die Ohnmacht über die Gewalt der Mächtigen, die diese Gewalt angezettelt hatten, so gegenwärtig, wie sie es heute noch ist.

Jesu Zuhörer da auf dem Berg, die kannten unser Gefühl der Ermüdung im Sommer 2022: „Wir paar hier – wir können doch gar nichts ausrichten!“

Und trotzdem sagt Jesus nicht: „Wartet doch mal ab, bis die Mächtigen irgendwann Frieden machen.“

Stattdessen spricht er seinen Leuten zu: „Ihr seid das Licht der Welt.“

Das ist fast ein bisschen trotzig. Fast widersprüchlich. Fast unvernünftig hoffnungsvoll. Es heißt zuerst: Auch wenn du die Weltpolitik nicht ändern kannst — du kannst verhindern, dass die Logik des Krieges unser Denken übernimmt.

Die Logik des Krieges sagt Sachen wie:
Teile die Welt in Gut und Böse.
Gewöhne dich an den Hass.
Gewöhne dich an Bilder von Leid.
Hör auf zu fühlen, sonst hältst du es ja gar nicht aus.
Die Liste ist gewiss nicht vollständig.
Die Logik Jesu sagt ganz anders:
Hör nicht auf zu fühlen!
Hör nicht auf zu beten!
Hör nicht auf zu hoffen!
Hör nicht auf, den Menschen zu sehen und das Gute darin!

Das ist kein nebensächlicher Unterschied! Es ist die Erkenntnis: Wenn mich dieser Krieg müde macht und traurig, wütend und resigniert … dann ist das zwar ein schweres Gefühl und eine Last – aber dann ist mit mir doch noch einiges in Ordnung. Ich will nicht, dass Krieg und Elend mich kalt lassen! Ich will – um Gottes Willen – nicht aufhören zu hoffen, dass es bald ein Ende haben wird. Das ist ein geistlicher Widerstand. Und ich möchte uns allen zutrauen: Dazu sind wir als von Gott geliebte Menschen fähig. Das ist unsere kleine große Aufgabe. Und ich wünschte, unser Friedensgebet in der Kirche oder auch ganz persönlich hat bis heute Anteil daran: als ein Akt des Widerstands gegen die Abstumpfung. Ein Protest gegen die innere Resignation. Eine leise, aber hartnäckige Weigerung, dass Gewalt das letzte Wort hat! Nicht, weil ich naiv sein will. Sondern weil ich glaube. Ich glaube, dass Gottes Zukunft größer ist als das, was wir gerade sehen. Ich glaube, Frieden zu stiften heißt heute: Die Opfer nicht vergessen.

Den Krieg nicht zur Normalität werden lassen.
Die Hoffnung nicht preisgeben, auch wenn sie sich unrealistisch anfühlt.
Und Gott zutrauen, dass er größer ist als unsere Ohnmacht.

Hoffnung ist in Zeiten wie diesen mehr als eine Stimmung. Hoffnung ist eine Entscheidung. Und vielleicht ist das das Kühnste, was wir heute tun können: Innehalten und hoffen. Die schweren Gedanken nicht wegschieben. Ein unfertiges Gebet dahinstammeln. Eine Kerze anzünden.

Hoffen. Und beten. Nicht, weil es ja eh so wenig ist, sondern weil es genau das ist, was verhindert, dass die Dunkelheit auch in uns Heimat findet. Das darf nicht sein, das soll niemals sein.

Und so halten wir an diesen Worten fest – gegen alle Müdigkeit, gegen alle Zweifel: Selig sind, die Frieden stiften. Heute. Und morgen. Und immer wieder neu.

Philipp Weismann


Philipp Weismann ist Pastor der Ev.-Methodistischen Immanuel- Kirchgemeinde Dresden-Cotta.
Der Text beruht auf Gedanken zum Friedensgebet am 25. Februar 2026 in der Friedenskirche.

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