Gesänge auf der Paradiesgrenze

Paul-Gerhardt-Jubiläum

vom , verfasst von Friedemann Schulz

© epd-bild / Keystone

Frage: Wie lebt man mit einem Ohrwurm?
Antwort: Mitsingen!

Es existieren viele direkte oder angelehnte Vertonungen der Dichtung um „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 503).

Unsere Melodie im Gesangbuch ist zum Volkslied geworden. Einfach und genial: Mit dem tonus peregrinus, also dem Psalmton, und dem nächtlichen Gloria des Weihnachtsengels „davon ich sing’n und sagen will“ klingen vertraute Themen der Freude und Leidenschaft an.
Die 15 Strophen sind eigentlich zweimal sieben plus eins, was jeweils an die Schöpfungstage und die Passionswoche erinnert. Die 14 als Zahlenwert im Hebräischen steht zudem für den König der Psalmen: DAVID.

Paul Gerhardt, der für sich gern die latinisierte Form Paulus bevorzugt, stellt mit der achten, der Mittelstrophe, sein persönliches Credo als symmetrische Balance dar. So, wie die Ziffer acht in jeder Hinsicht gespiegelt ist, wären es auch zwei Weltkugeln. Ihre Achsen bilden immer ein Kreuz.
„Ich selber kann und mag nicht ruh’n, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen, aus meinem Herzen rinnen.“

Der zweite Teil des Liedes wird seltener gesungen, er spielt auch jenseits der paradiesischen Grenze in dieser, unseren Welt: Bei Paulus sind mit Liebe-Glaube-Hoffnung die Friedensthemen inmitten des Dreißigjährigen Krieges präsent. Tragischerweise schon sehr früh die Eltern verloren, musste er gar vier von fünf seiner Kinder begraben. Seine Entscheidung lag stets zwischen „nicht ruh’n … erweckt mir alle Sinnen“, also dem Wachsein, und „lasse … aus meinem Herzen rinnen“, also Vertrauen und Herzensgebet. Die ethische Haltung, wie wir mit dem Hier und Heute rückblickend auf das alte Paradies umgehen, bleibt im Lied für alle offen und frei.

So konnte er schließlich im Singen mitten im Leid einen leidenschaftlichen Lichtblick con passione erleben und suchen: „hier“ und „dort“ und „ewig“.

Die Sieben hat in unserem Alltag wenig Aufmerksamkeit. Ein Liederdichter jedoch spielt mit Symbolen: Sie steht in unserer Kultur auch für Ende und Anfang zugleich.

Wir gedenken in diesem Jahr an den sieben mal 50. Todestag Paul Gerhardts. Die 50 könnte einen Anklang von geistigem Jubel haben. Es soll kein trauriger Tag sein! Das Bild vom Ruderer, der vertrauensvoll, rückwärts, mit vollen Händen vorankommt, die Vergangenheit fest im Blick und dabei zielgerichtet, passt gut zum Psalmisten Paulus Gerhardt.

Friedemann Schulz, Kirchenmusiker

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