Hinter elf Türen
Gefängnisseelsorge in Dresden
vom , verfasst von Pfarrerin Annelie Zemmrich
Elf Türen. Dann bin ich „drin“. Dann habe ich mein Arbeitszimmer der Gefängnisseelsorge in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dresden erreicht. Seit knapp 12 Jahren arbeite ich als Pfarrerin und Seelsorgerin im Dresdner Gefängnis. Im Dresdner Norden, am Hammerweg gelegen, gehört dieses Areal zu unserer Stadt.
Und doch ist es eine Welt für sich: Hinter sechs bis neun Meter hohen Mauern leben auf elf Hektar bis zu 800 inhaftierte Männer. Wird ein Mensch zu einer Haftstrafe verurteilt, dann „verschwindet“ er für mehr oder weniger lange Zeit hinter diesen Mauern. Wenn es gut geht, halten Angehörige, Freunde oder auch Ehrenamtliche den Kontakt zu ihm. Für die Mehrheit der Menschen „draußen“ wird der Gefangene unsichtbar. Sicher, in Dokus über Gefängnisse oder im Krimi am Sonntagabend kommt einem das Thema manchmal nahe. Aber die realen Gefangenen sind doch meist weit entfernt von der eigenen Wirklichkeit.
Warum bin ich als Pfarrerin an so einem Ort?
Zum einen ist dies in unserem Land, in dem Religionsfreiheit herrscht, per Gesetz so geregelt: Schränkt der Staat die Bewegungsfreiheit eines Menschen ein, so muss er für die Möglichkeit des Gottesdienstes und der Seelsorge vor Ort sorgen. Und daher braucht es Geistliche auch im Gefängnis. Ich bin eine von ihnen.
Aber es gibt natürlich noch einen anderen Grund, warum wir Seelsorgenden im Gefängnis arbeiten. In Matthäus 25 stellt Jesus uns das Weltgericht vor Augen. Zählen wird am Ende, was wir für unsere Mitmenschen getan haben. Im Vers 36 sagt Jesus: „Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“ Schon immer gehört es also zur Aufgabe von Christen, Gefangene zu besuchen.
Dieser kurze Satz Jesu sagt viel über das, was meine Arbeit im Gefängnis ausmacht. Ich habe Zeit für Gespräche unter vier Augen. Dabei hat die Verschwiegenheit großes Gewicht. Nichts von dem, was mir der Gefangene anvertraut, gebe ich weiter. Dies bedeutet, dass Gefangene in der Seelsorge einen „Raum der Freiheit“ haben; sie können aussprechen, was ihnen auf der Seele liegt, ohne Nachteile für sich befürchten zu müssen.
In den Gesprächen gebe ich dem Gefangenen meine Zeit, einen ruhigen Raum, nach Wunsch einen Kaffee und dann: Höre ich zu. Frage nach. Bin bei ihm in dem, was ihn gerade beschäftigt. Ich respektiere, worüber er sprechen will und worüber nicht. Ich halte die Ohnmacht mit ihm aus, wenn er in der Zeit der Untersuchungshaft fast nichts ändern kann an seiner Situation; wenn sein normales Leben durch die Verhaftung plötzlich komplett zusammengebrochen ist.
Er kann seine Verzweiflung über beispielsweise seine Drogenabhängigkeit mit mir teilen. Er kann aussprechen, wie schwer er an seiner Schuld trägt und so weiter. Manchmal ist es auch einfach nur ein „Dampf-Ablassen“ über den belastenden Alltag im Gefängnis. Manchmal konfrontiere ich ihn auch mit meiner Sicht auf die Dinge, die ganz anders sein kann als seine. Und manchmal berichtet er über Gutes, das sich entwickelt. Und ich freue mich mit ihm.
Meist frage ich die Männer, ob sie so etwas wie eine „Kraftquelle“ für sich haben. Eine, die sie auch im Gefängnis erreichen können. Die Suche danach kann spannend sein. Wenn sie Interesse dafür haben, biete ich ihnen an, den Glauben als Kraftquelle kennenzulernen. Ich lade sie zu unseren Gefängnis-Gottesdiensten ein, zu unseren Gruppen, zum Chor. Dort erlebe ich, ebenso wie mein evangelischer und katholischer Kollege, auch viel Schönes und Mutmachendes mit den Gefangenen. Gerade haben wir einen echt starken Männerchor von 15 Leuten, der jeden Sonntag im Gottesdienst singt. In der Bibelgruppe erlebe ich großes Interesse an Glaubensthemen und eine faszinierende Ehrlichkeit der Männer. Einige Male im Jahr feiern wie Abendmahl. In einer großen Runde von evangelischen, katholischen und orthodoxen Christen aus aller Welt teilen wir Brot und Traubensaft und spüren die Gegenwart Christi in einer Tiefe, die ich selten so außerhalb der Mauern erlebt habe.
Manchmal kommen Gefangene mit dem Wunsch zu uns, sich taufen zu lassen. Nach einem Glaubenskurs feiern wir dann die Taufe im Gefängnis. Auch Gebet, persönlich zugesprochener Segen und die Vergebung der Schuld durch Gott bei einer Beichte haben ihren Raum.
Immer wieder fragen Christen bei mir an, wie sie für Gefangene da sein können. Oft steht der Wunsch dahinter, sie zum Glauben zu führen. Ich sehe dies kritisch, wenn man mit einem „inneren Programm“ auf Menschen zugeht und sie damit in eine bestimmte Richtung drängt. Was manche Menschen in Haft brauchen, ist: Eine ehrenamtliche Person, die sie besucht, sie vielleicht auf einem Ausgang begleitet und gegebenenfalls auch nach der Haftzeit ansprechbar ist. So ein Mensch ist sehr wertvoll. Der Gefangene spürt: „Dieser Mensch fragt nach mir. Ich bin gemeint. Ich bin ihm wichtig“. Eine kostbare Erfahrung – für viele auch eine seltene. Gut, wenn jemand dies aus christlicher Überzeugung tut. Davon kann man natürlich erzählen.
Bei Interesse an solch einer ehrenamtlichen Begleitung eines Gefangenen kann man sich gern an den Verein „Hammerweg e. V.“ wenden.
Elf Türen. Dann bin ich nach einem Arbeitstag wieder „draußen“.
Manche Begegnungen mit den Gefangenen nehme ich innerlich mit. Da ist es gut, Hilfe für die Verarbeitung zu haben. Einzelsupervision ist für uns in der evangelischen Gefängnisseelsorge Pflicht. Ebenso gibt es in Abständen den Austausch unter uns Kolleginnen und Kollegen. Anonymisiert sprechen wir dann über Situationen, die wir als schwierig erlebt haben. Das hilft weiter.
Persönlich achte ich auf einen guten Ausgleich. Ich liebe die Natur und Schönes in Kunst und Kultur. Ich brauche Zeit mit meiner Familie und Freunden. Und ich bin selbst angewiesen auf die „Kraftquelle“ – meinen Glauben an den Gott, der keinen Menschen fallen lässt.
Pfarrerin Annelie Zemmrich
Pfarrerin Annelie Zemmrich ist evangelisch-lutherische Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dresden. Sie bietet gemeinsam mit Pfarrer Stephan Vödisch Seelsorge für Inhaftierte, Bedienstete und Angehörige in Dresden an. Ihre Arbeit ist in die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen eingebunden. Weitere Informationen finden sich direkt bei der Gefängnisseelsorge Sachsen.