„Jesus is the rock“
Über E-Gitarren, Gebet und die Kraft der Musik
vom , verfasst von Jürgen Mummert
„I want the people to know that he saved my soul
But I still like to listen to the radio
They say rock ‘n’ roll is wrong, we’ll give you one more chance
I say I feel so good I gotta get up and dance”
– Larry Norman, aus „Why Should The Devil Have All The Good Music“
Als Larry Norman Anfang der 1970er Jahre diese Zeilen sang, war das ein musikalisches Bekenntnis – und eine Kampfansage. Der christliche Glaube, so seine Überzeugung, muss nicht in Orgeln und Chören erstarren. Warum, fragte er, solle ausgerechnet der Teufel all die gute Musik haben? Der Satz wurde zum Motto einer Bewegung: der Jesus-People, der christlichen Rockmusik, des modernen Worship. Musik sollte nicht nur heilig, sondern auch ehrlich sein – und ehrlich heißt manchmal laut, rhythmisch, lebendig.
Diese Idee machte auch vor 15 Jahren in Löbtau Schule. In der Kirchgemeinde Frieden und Hoffnung gründete sich eine Band. Mit Schlagzeug und E-Gitarren wollte man Gottesdienste gestalten. Daraus entstanden die sogenannten Impulsgottesdienste, zunächst unter der Woche am Abend mit einem Format zwischen Andacht, Konzert und Predigt. Heute haben sie ihren festen Platz im Kirchspiel, am Sonntagmorgen. Und die Impulsband ist längst über die Stadtteilgrenzen hinaus aktiv – bei Gemeindefesten, regionalen Gottesdiensten oder besonderen Anlässen. Eines ihrer Lieder wurde auf dem überregionalen Sampler „Rockladen 8“ veröffentlicht – zu hören für alle, die den QR-Code auf dieser Seite scannen.
Doch so selbstverständlich, wie es klingt, ist das alles nicht. Denn moderne Musik im Gottesdienst bewegt – im doppelten Sinn. Sie schlägt Wellen – im Klang wie in der Diskussion. Dürfen Gitarrensoli dorthin, wo sonst das Kyrie erklingt? Ist das noch Spiritualität oder schon Show?
Interessanterweise wird Rockmusik heute kaum noch als Inbegriff der Moderne gesehen. Viele Jugendliche wünschen sich in Gottesdiensten Musikstile, die über Rock hinausgehen – etwa Hip-Hop, elektronische Musik oder andere aktuelle Genres. Dies zeigt, wie der Begriff „moderne Musik“ einem ständigen Wandel unterliegt und Generationen unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was zeitgemäß ist.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass solche Diskussionen keineswegs neu sind. Als im 19. Jahrhundert die ersten Posaunenchöre in evangelischen Gottesdiensten auftraten, gab es ebenfalls Vorbehalte. Die Einführung von Blechblasinstrumenten in den kirchlichen Raum stieß bei Traditionalisten auf Kritik. Dennoch setzten sich die Posaunenchöre durch und sind heute aus vielen Gemeinden nicht mehr wegzudenken. Dies verdeutlicht, dass die Integration neuer Musikstile in den Gottesdienst immer wieder auf Widerstände stößt, aber letztlich auch zu einer Bereicherung des Gemeindelebens führt.
Christliche Rockmusik wird geliebt und gehasst. Sie ist Einfallstor für die einen, Reizthema für die anderen. Kritiker werfen ihr vor, spirituelle Tiefe durch emotionales Aufheizen zu ersetzen. Unterstützer sagen: Diese Musik öffnet Herzen – und wer weiß, was dann geschieht?
Vielleicht liegt die Wahrheit dazwischen. Musik kann – wie jede liturgische Form – flach oder tief sein, beliebig oder durchdrungen. Entscheidend ist nicht der Stil, sondern die Haltung: Geht es um Selbstdarstellung oder um Hingabe? Wird hier etwas inszeniert – oder etwas geteilt?
In Löbtau setzt man auf Letzteres. Die Impulsgottesdienste erzählen davon, dass es möglich ist, neue Formen zu wagen, ohne das Eigentliche zu verlieren. Dass ein Refrain wie „Your love never fails“ ebenso tragen kann wie ein Choral von Paul Gerhardt.
Am Ende, wenn die letzte Strophe verklungen ist, bleibt die Erkenntnis: Manches muss nicht entweder–oder sein. Manches darf auch beides sein: modern und spirituell, laut und tief, Rock und Glaube. Oder, wie Larry Norman es am Schluss seines Liedes singt:
Jesus is the rock and he rolled my blues
Jesus is the rock and he rolled my blues away.
Jürgen Mummert