Was singt und summt denn da?
Lebensraum Friedhof
vom , verfasst von Lara Schink
Das Ende winterlicher Stille macht sich auf den Friedhöfen mit frühlingshafter Geräuschkulisse bemerkbar. Bienen summen im Gras und auf der Grabbepflanzung. In den Ästen der Bäume zwitschern Vögel. Das ist nicht nur schön und stimmt hoffnungsvoll auf wärmere Tage ein: Friedhöfe sind besonders in den Städten wertvoll für die Biodiversität, gehören zu den Grünflächen mit der größten Vielfalt wertvoller Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Dazu tragen alte Baumbestände bei, wie auch Hecken, Sträucher, Wiesen und Rasenflächen. Historische Grabmale und alte Mauern bieten Fugen für Eidechsen und raue Oberflächen für Flechten und Moose. Auch Totholz findet man – in den meisten Parks ist das selten – wie nächtliche Dunkelheit und dieselbe ruhige Nutzung wie sie Friedhöfe auszeichnet. Auf den Gräbern Verstorbener und aus dem Holz toter Bäume entsteht auf dem Friedhof neues Leben – der Lebenskreislauf wird erlebbar, spendet Trost für das Diesseits und Hoffnung aufs Jenseits.
Fotos: Lara Schink
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Friedhöfen wissen um ihre Kleinode und engagieren sich für die Bewahrung und Weiterentwicklung ihrer Qualitäten. Aber auch die Grabstätteninhaber tragen mit ihren Bepflanzungen zum Habitat Friedhof bei: mit insektenfreundlichen Pflanzen statt Kies und Kunststoff, gepflanzten Frühblühern, der Auswahl ungefüllter, möglichst heimischer Blühpflanzen und fruchtbildender Gehölze können hier viele Insekten und sogar Vogelarten Nahrung finden. Vögel profitieren ebenso wie Fledermäuse auch indirekt von mehr Insekten auf den Friedhöfen: als Nahrungsquelle. Auf dem Neuen Annenfriedhof konnten in den letzten Jahren zehn Fledermausarten nachgewiesen werden sowie 44 Brutvogelarten, 104 Bienenarten, 64 Käferarten und 109 Zweiflüglerarten – vermutlich sind sogar noch viele Arten mehr auf dem Friedhof zu finden. Besonders: Eigentlich waldbewohnende Arten finden auf den Friedhöfen wertvolle Ersatzlebensräume. Während der Mensch sich also zunehmend die „naturnahe“ Bestattung im Wald wünscht, sucht sich die Natur die Friedhöfe als neuen Lebensraum aus. So ist auch hier das Leben – und das Sterben – ein ewiger Kreis.
Lara Schink, Friedhofsverwalterin
Verband der Annenfriedhöfe Dresden